Erst Kneipe dann Alkoholikerberatungsstelle

Wie wurden Sie zum Wirt der „Meisengeige“?
Kar Redlich Ende 1970 oder 71, das weiß ich nicht mehr so genau, habe ich die Kneipe übernommen, von einem Typ namens „Hippel“. Der war nicht so ganz koscher. Zwei Häuser weiter hatte ich schon seit dem Studium ein Trödelladen, der kommt übrigens auch im Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ vor, da ist eine Szene drin gedreht worden. Und darüber hatte ich halt Kontakt zu diesem Hippel und der bot mir irgendwann mal die „Meisengeige“ an.
Wie kam es eigentlich zu diesem Namen?
Redlich
Noch vor Hippel hatten das zwei, ich würde schon sagen, etwas versoffene, Berliner Literaten gepachtet, Wolfgang Graetz und Günter Bruno Fuchs. Der hatte ein Buch mit dem Titel „Meisengeige“ geschrieben. Die wollten so ein Literatencafe´ machen, haben das aber letztlich auch nicht auf die Reihe gebracht. Und davor war die Kneipe so eine Art Zuhälterbude, denn es war ja um die Ecke von der klassischen Gegend Potsdamer Straße, wo sich das ganze Gewerbe ja etabliert hatte. Und da hieß sie „Dreimädelhaus“. So kenne ich die Geschichte jedenfalls.
Wie lange waren Sie dort aktiv?
Redlich
Ich war zwei Jahre Pächter. Es gab damals diesen „Trail“, wie wir es nannten. Das waren alles so Szenetreffs. Das Cafe´ „Kaputt“ in der Steinmetzstraße gehörte dazu, dann „Leydicke“ und schräg gegenüber der „Roten Punkt“, „Unter den Yorckbrücken“ das „Parabellum“ – das war der Trail, den man ablief, wenn man mit Kumpels eine Sauftour machte. Die linke Szene traf sich da.
Wenn man zu mir in die „Meisengeige“ kam ging man die paar Stufen hoch und da saß auf einem alten Sessel, aus dem die Sprungfedern schon rauskamen, der Mao Tse-tung, als Stoffpuppe in Lebensgröße. Ja, und dann ging es ziemlich deftig zu bei uns. Ich würde schon sagen, dass fünf bis zehn Prozent Alkoholiker waren. Wir mussten uns keine Sorgen machen, was die Umsätze anbetraf. Es war immer voll. Das war eine heiße Zeit damals, man kann es nicht anders sagen.
Was war das Schöne an der „Meisengeige“?
Redlich
Na also, das war die Stimmung, die Typen da. Es war ja eigentlich eine ganz friedliche Ecke da, kaum Prügeleien und so. Und wenn es mal eine Auseinandersetzung gab, bin ich als Schlichter dazwischen gegangen. Aber sonst war das eine ganz nette Atmosphäre und auch Treffpunkt linker Gruppierungen. Es war friedlich und langhaarig und bärtig. Auch der eine oder andere Joint wurde da schon mal geraucht.
Wann und warum haben Sie als Wirt der „Meisengeige“ wieder aufgehört?
Redlich
Ich habe das Lokal nach zwei Jahren wieder abgetreten, weil es da so eine Art Überfall gab. Es kamen Leute rein, die wollten den Chef sprechen. Ich kam mit meiner damaligen Freundin, später Frau, aber erst später in die Kneipe. Da sagte man mir, es wären ein paar Typen da gewesen, die mich sprechen wollten. Eine halbe Stunde danach kamen dann so drei oder vier Leute und fragten: „Hey, bist Du der Boss? Kommste mal mit nach hinten, wir müssen mal was klären.“ Braver Bürgersohn, der ich war und an nichts Böses denkend ging ich mit. Dann kam es zu einer übelsten Schlägerei, ich wurde zusammengeschlagen. Zum Glück lag ich nicht auf dem Boden und konnte nach vorne laufen und rufen: „Ey, holt die Bullen!“, weil wir damals kein Telefon hatten. Da rannte einer los und holte die. Dann kam ein Mitarbeiter von mir, genannt „Tarzan“, und hat einem der Typen eine Flasche über der Schädel gehauen, so dass der zu Boden ging. Drei Minuten später kam dann die Polizei und dann war das Ding aus. Das Ganze hat mich dann letztlich dazu bewogen, das Lokal aufzugeben.
War das eine ganz besondere Zeit damals?
Redlich
Klar, es war die „linke Zeit“ und es war waren ja alle mehr oder weniger engagiert, also politisch. Es trafen sich natürlich auch eine Menge Leute da, die damit nichts am Hut hatten. Unsere Gegend war ja sehr bekannt und wurde auch besungen, z. B. das Cafe´ „Kaputt“ in Songs von Hannes Wader. Und die Typen von dort waren natürlich auch bei mir in der „Meisengeige“
Was ist aus denen denn eigentlich geworden?
Redlich
So genau weiß man das auch nicht. Zum Teil waren und sind es Freunde und Bekannte. Und dann waren da welche, die hatten Spitznamen wie „Säuferharry“ oder „Verleger-Jochen“. Von dem dachten wir immer, er hätte einen kleinen linken Verlag, hatte damit aber gar nichts zu tun, sondern er war PVC-Verleger. Es mehr ein unverbindlicher Kontakt, den man hatte. Zwei von denen, die bei mir gearbeitet hatten, so Künstler, waren unheimliche Typen, haben dann ihr eigenes Lokal namens „Delirium“ aufgemacht. Da gibt´s auch ein Gedicht mit dem Titel von Günter Bruno Fuchs. Das war ´ne ganz heiße Truppe, mit der ich noch lange Kontakt hatte. Dann gab es da einen, genannt „Fahrstuhl“, warum auch immer, der sah aus wie Jesus Christus, mit langen roten Haaren, Bart, der hatte so was Heiliges. Aber er war alles andere als das: Er dealte nämlich mit Joints und Shit. Der ist dann ein gediegener Kneipier geblieben.
In Berlin gibt es ja unwahrscheinlich viele Kneipen, für jeden eine, kann man bald sagen. Sie sind ja in gewisser Weiser Treffpunkt …
Redlich
Kneipen haben ja hier einen völlig anderen Charakter als z. B. in Frankreich. Es sind schon soziale Treffpunkte. Meine Kneipenzeit ist insofern vorbei, als das ich da nicht mehr hingehe, um mir einen hinter die Binde zu kippen. Wenn, dann gehe ich in Restaurants zum Essen und trinke etwas dazu. Diese ganz bestimmte Kneipentradition ist schon eine Berliner Eigenheit, die findet man so in anderen Ländern nicht.
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