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Endlich kann ich reden
In letzter Zeit wurde mir öfter schlecht, Magenschmerzen und Schlafstörungen nahmen wieder zu. Ich wollte bei meiner Hausärztin Medikamente erhalten, konnte aber nicht richtig beschreiben, was los ist. Von meiner Alkoholkrankheit, der Suchtgefährdung wissend, einigten wir uns, keine Medikamente zur Behebung der Symptome einzusetzen. Aber die Schwierigkeiten blieben.
Durch einen Artikel in einer überregionalen Tageszeitung erfuhr ich zufällig vom Verein "Tauwetter e.V.", einer Berliner Beratungsstelle für Männer, die als Jungen sexuell missbraucht wurden. Mir wurde durch die Lektüre immer bewusster, dass mir bei jedem Fernsehbericht, jeder Zeitungsgeschichte über missbrauchte Kinder schlecht wurde. Ich war selbst in den 70er Jahren Opfer einer Gewalterfahrung geworden, verdrängte und verschwieg es aber über viele Jahrzehnte. Durch die derzeitige Missbrauchsdebatte in den Medien geriet mein Erlebtes aber wieder ins Bewusstsein zurück. Nur konnte ich mich nicht mehr an Einzelheiten, Umstände und meine Reaktionen und die unmittelbaren Veränderungen bei mir erinnern. Mein Trauma glich einem Schwelbrand, der ausbrach, als er Energiezufuhr von außen erhielt. Dies passierte schon einmal.
Als ich am 05.01.2004 in der Fontane-Klinik meine Entwöhnungsbehandlung begann, kamen die Therapeuten (Aufnahme- und Gruppentherapeut) auch auf das Thema Sexualität. Ich wurde panisch. Ich schlug mit zugeschnürtem Hals und voller Angst, meine Sexualität zu thematisieren, vor - nein, ich bat flehend, inständig &endash; dieses Thema nicht während der Therapie zu behandeln. Ich war, so meinte ich, wegen meiner Alkoholsucht in therapeutischer Behandlung. Hierbei stieß ich mithilfe der Therapeuten, wie ich heute weiß, nicht zufällig auf meine fast 40 Jahre andauernden seelischen Qualen, ohne die Gewalterfahrung, wie den sexuellen Missbrauch und seine Folgen, benennen oder als eine Ursache für meine seelischen Qualen ausmachen zu können:
* Einsamkeit infolge des belasteten Geheimnisses Missbrauch;
* Orientierungslosigkeit bei der eigenen Identitätsfindung, homo-, bi oder heterosexuell zu sein;
* Vermeidung von körperlichen Kontakten im Alltag wie im Privaten verbunden mit einer sehr anstrengenden eigenen, inneren Wachsamkeit und der Entwicklung von Vermeidungsstrategien sowie eines Katalogs von Ausreden gegenüber meiner Lebensgefährtin;
* empfundene Unfähigkeit Liebe zu geben und zu empfangen;
* das entstandene Gefühl, einer gewissermaßen "verwahrlosten" Sexualität;
* sowie mangelndes Selbstwertgefühl.
Und dennoch war ich mir bewusst, dass das Thema irgendwann einmal auf den Tisch kommt.
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